Offener Brief

des Bundesausschusses der Studentinnen und Studenten der GEW (BASS)
an den Hauptvorstand und die Mitglieder der GEW

Max Traeger – kein Vorbild!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

schon seit einigen Jahren gab und gibt es Diskussionen über die Geschichte des NS-Lehrerbundes (NSLB) und den Umgang der GEW mit ihm. Das rührt auch daher, dass der spätere GEW-Vorsitzende, nach dem eine Stiftung benannt ist, ausgerechnet ein Mitglied des NSLB war: Max Traeger. Dieser Mann, nach 1945 dann aktives FDP-Mitglied, ist zu Recht umstritten.
Seine Mitgliedschaft im NSLB ist sicherlich kein Argument, um ihn als Vorbild zu ehren. Auch die Mitgliedschaft in der FDP nach 1945 ist für Mitglieder einer Gewerkschaft nicht unbedingt ein Grund, in Jubel auszubrechen.
Aber diese beiden Punkte allein sind es nicht: der entscheidende Punkt ist, dass Max Traeger mit großer Energie an der Legende mitgestrickt und an der Lebenslüge mitgearbeitet hat, dass die Verbände der Lehrkräfte im Jahr 1933 angeblich zwangsenteignet und zwangsweise in den NSLB eingegliedert wurden. Das ist für die große Mehrheit der alten Organisationen der Lehrkräfte, insbesondere in Hamburg, schlicht und einfach gelogen.
Diese Geschichtsfälschung hat eine doppelte Funktion:
Zum einen war dies eine große Möglichkeit für die Masse der nazifizierten Lehrkräfte (97 % der Pädagog_innen waren im NSLB, ein Drittel davon waren NSDAP- Mitglieder, oft mit wichtigen Funktionen), sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen und ihre Mitgliedschaft als Bagatelle darzustellen. Das kam der Tendenz zur Renazifizierung der Bundesrepublik Deutschland insbesondere nach 1949 sehr entgegen. Die GEW beteiligte sich massenhaft daran, berechtigte Sanktionen gegen NS-Lehrer_innen mit ihrem Rechtsschutz wieder rückgängig zu machen. Ein Beweis für die „zweite Schuld“, die auch nach 1945 vor der GEW nicht halt gemacht hat und bis heute so gut wie gar nicht systematisch analysiert wurde.
Die zweite Funktion dieser Lügengeschichte bestand in der Behauptung, die Masse der Mitglieder der alten Lehrerverbände habe angeblich „zwangsweise“, also nicht freiwillig und nicht mit großer Begeisterung, den Eintritt in den NSLB vollzogen – das galt gerade auch für den Eintritt in den NSLB in Hamburg (so heißt es in Stein gemeißelt auf der Tafel am Curiohaus in Hamburg: „Im Mai 1933 gliederte der NS-Lehrerbund den Verband zwangsweise ein“).
Max Traeger war Vorsitzender eines Lehrervereins mit dem altehrwürdig-merkwürdigen Namen „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“. Diese Hamburger Organisation ist in zwei großen Schritten 1933 und 1934 mit großer Begeisterung und fast einstimmig (bei sieben Gegenstimmen) in den NSLB eingetreten und hat auch sämtliches Vermögen freiwillig den Nazis, dem NSLB, zur Verfügung gestellt – es gab keine Enteignung. Und Max Traeger erhielt kein „Berufsverbot“, wie etwa in Wikipedia behauptet wird. Das ist eine Legende. Er konnte, wenn auch nicht mehr als Schulleiter, als Lehrer bis 1945 arbeiten, wie die Akte des Entnazifizierungsverfahrens zeigt.
Nach 1945 nun die Rückgabe des dem NSLB freiwillig übergebenen Vermögens an die GEW zu verlangen, – das war einer der Hauptaktivitäten von Max Traeger nach 1945 – erwies sich als ein geschickter Schachzug, um sich als „Opfer“ der NS-Diktatur darzustellen und das Mittun und das Mitwirken, den freiwilligen Anschluss an den NSLB zu vertuschen. Dabei ging es auch um finanzielle Dinge. Das kam heraus, als vor einigen Jahren Aktivist_innen der GEW in Hamburg nachwiesen, dass der NSLB einem jüdischen Hausbesitzer unter dem Druck der Nazi-Verfolgung ein Haus abgerungen hatte. Max Traeger, der hier im Nazi-Jargon nach 1945 noch vom „Judengrundstück“ schrieb, spielte dabei nach 1945 eine entscheidende Rolle. Mithilfe alter Nazis des NSLB half er, die lügnerische Behauptung aufzustellen, dass dieses Haus nun der GEW gehöre, da die Nazis es doch mit den Geldern der alten Lehrerorganisation gekauft hätten. „Judengrundstück“? Alles sei mit rechten Dingen zugegangen, die Nazis hätten einen fairen Preis gezahlt, hieß es dann später. Max Traeger war führend an diesem Betrug beteiligt, wie alle Dokumente beweisen, die die Aktivist_innen der GEW in Hamburg, aber auch Historiker_innen ausgewertet und bewertet haben.
Als in der GEW aktive Studierende sehen wir den Bedarf nach weiterer Forschung zur Frage von personellen und materiellen Kontinuitäten des NS in der GEW und nach einer Debatte über den Umgang damit in den Nachkriegsjahrzehnten, insbesondere mit Blick auch darauf, was das für die heutige gewerkschaftspolitische Praxis bedeutet. Unser Vorschlag und unser Anliegen ist es, diese Debatte breit und öffentlich zu führen und dann die Umbenennung der Max-Traeger-Stiftung zu beschließen.
Wir schlagen vor, dafür den Namen eines Mitbegründers der GEW zu verwenden, etwa den in der Nazizeit emigrierten Heinrich Rodenstein, der den bemerkenswerten Satz prägte: „Es muss ja schließlich im Vierten Reich ein paar geben, die sich nicht bekleckert haben“, also nach einem Aktivisten der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik (erst KPD, ab 1931 SAP), der auch unter den Lehrerkräften politisch gearbeitet hat und später (1960-1968) Vorsitzender der GEW war.

Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW (BASS)

Unterstützer_innen (Liste wird in regelmäßigen Abständen aktualisiert):

1. Abt, Tobias (Bildungscoach DGB/ver.di/IGM)

2. Adamczak, Thomas (ehemals Fachleiter an den Studienseminaren Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach)

3. Alexi, Katharina

4. Alis, Rudi (Lehramtsstudent an der Goethe-Universität Frankfurt)

5. Arnold, Norbert (Mitglied im Leitungsteam der GEW Leverkusen)

6. AStA TU Darmstadt

7. AStA Uni Frankfurt

8. Baab, Janek

9. Barth , Jürgen

10. Bauer, Glenn (Student)

11. Beckenkamp, Kira (Studentin)

12. Becker, Marcel

13. Beer, Florian (Hauptpersonalrat Gymnasium/WBK NRW)

14. Biertümpel, Antje (wissenschaftliche Mitarbeiterin, TU Darmstadt)

15. Bley, Jorret-Alexander

16. Bogerts, Norbert (OStR i.R.; Sprecher der GEW-Senioren im BV Trier, RLP)

17. Brede, Eva

18. Brodersen, Marius

19. Brodtmann, Tanja (Dipl-Päd.)

20. Brunner, Michael (Berufsschullehrer

21. Brylka, Stefan (ehemaliger Mitbegründer von Junge GEW)

22. Buhre, Franziska

23. Bunz, Angelika (Pensionierte Hauptschullehrerin)

24. Burchard, Matthias (Agraringenieur)

25. Burchardt, Anita (Referent_in für Öffentlichkeitsarbeit bei Amaro Drom e.V.)

26. Burghardt, Daniel (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln)

27. Busch, Maximilian

28. Deimel, Rainer (ehemals: GEW-Landesvorstand NRW)

29. Dietrich, Valentin (LASS-Sprecher*innen-Team Hessen)

30. Ditfurth, Jutta (Autorin)

31. Dölberg, Milan (Student)

32. Dreyer, Heike (Lehrerin)

33. Eggers, Katharina (SAW Trainerin)

34. Eggert, Rohwer

35. Eilers, Thomas (Pensionierter Lehrer)

36. Einig, Dr. Mark (Erziehungswissenschaftler, Leiter Kinder- und Jugenddorf Rankenheim)

37. Euler, Joachim (Ehemaliger Redakteur der HLZ (GEW Hessen))

38. Faber, Kathrin

39. de Fallois, Cornelius (Studierender)

40. Fischer, Lisa

41. Fritz, Fabian

42. Gärtner, David (Kraftfahrer im sozialen Dienst)

43. Gehrlein, Elisabeth (Dipl. Pädagogin)

44. Glaser, Siegbert (Lehrer im Ruhestand)

45. Gollasch, Christoph (Doktorand am Ludwig-Rosenberg-Kolleg)

46. Grob, Roslinde (Berufsschullehrerin)

47. Häberle, Wolfgang (Lehrer, FOSBOS Aschaffenburg)

48. Hassel, Madalena (Lehrerin)

49. Helbig, Martin (Student, AG Schwule Lehrer)

50. Hemmerle, Dr. Oliver Benjamin (Historiker)

51. Hennes, Gabriele (Rektorin/Ruheständlerin)

52. Höhne, Thomas

53. Hornung, Benjamin (Gewerkschaftssekretär)

54. Huber, Franz (Ingenieur)

55. Huth, Manfred

56. Hüttmann, Uwe (Rentner)

57. Jerke, Daniel (Student)

58. Justice, Katharina (Referendarin)

59. Junge GEW Berlin

60. Junge GEW Mecklenburg-Vorpommern

61. Kaewnetara, Eva (Kommunale Schulentwicklerin)

62. Kamuf, Dr. Ullrich

63. Kanty, Konni (Erzieher, Betriebsrat)

64. Karst, Helmi (Pensionärin, bis 2015 Fachleiterin am Studienseminar)

65. Köditz, Michael (Lehrer und Personalrat)

66. Kölker, Arno (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, SPD Steglitz-Zehlendorf)

67. Kichert, Christian

68. Kijewski, Robert

69. Knappe-Maas, Meike (Ausbilderin)

70. Konold, Klaus (Ruhestand)

71. Kramer, Lena (Schülerin)

72. Kramm, Ben

73. Kreisvorstand der GEW Offenbach-Stadt

74. Kreutz, Petra

75. Kulcke, Gesine (Dozentin)

76. Kühn, Peter (Liedermacher)

77. Kühnel, Lisa

78. Kühneweg, Margaretha

79. Küster, Dr. paed. Helmut (Schulleiter und Hochschullehrer a.D.)

80. Lampe, Björn

81. Landesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW Baden-Württemberg

82. Landesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW Hamburg

83. Landesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW Hessen

84. Landesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW Sachsen

85. Langbein, Andreas (GEW Südbaden)

86. Langer, Phil C.

87. Latasch, Prof. Dr. Leo (Vorstand jüd. Gemeinde Frankfurt)

88. Linnemann, Tobias (Bildungsreferent)

89. Litty, Georg (Jugendleiter)

90. Loewe, Janis (Student)

91. Mager-Weingarten, Gorch (Lehrer)

92. Markötter, Wilhelm (Pensionär)

93. Mathern, Ursula

94. Melter, Prof. Dr. Claus (Professor Fachhochschule Bielefeld)

95. Meyer, Brunhilde (Lehrerin im Ruhestand)

96. Milde, Dr. Peter (Erziehungswissenschaftler, Sozialarbeiter)

97. Miska, Werner

98. Müller, Katja

99. Müller, Rike

100. Müller, Saskia

101. Müller, Dr. Winfried L. (Gymnasiallehrer)

102. Neiss, Angelika

103. Nitsch, Monika (pensionierte Lehrerin)

104. Nolte, Axel (ehm. BR-Vorsitzender)

105. Ortmeyer, Benjamin (apl. Prof. Goethe-Universität Frankfurt am Main)

106. Padberg, Nils

107. Pech, Bettina

108. Pech, Cyrill (Pfarrer i.R.)

109. Peter, Jakob (Co-Sprecher Junge GEW Mecklenburg-Vorpommern)

110. Peters, Torge

111. Pohlit, Alexander (Junge GEW Frankfurt)

112. Pönicke, Rita

113. Pressel, Felix (GEW Kreisvorsitzendenteam Offenbach-Stadt)

114. Reitter, Carla (Studentin)

115. Rhein, Johannes

116. Roth, Benjamin (Student)

117. Rützel, Josef (Professor im Ruhestand)

118. Sack, Philipp

119. Schmelzer, Christian (Betriebsrat)

120. Schmidt, Erwin

121. Schmidt, Klaus (Pensionär)

122. Schneider, Sebastian

123. Schreiber, Melanie (Soziologin Uni Frankfurt)

124. Schreier, Christian (Garten- und Landschaftsbau)

125. Schreier, Kerstin

126. Schubert, Johannes (Student)

127. Seel, Ben (Student)

128. Sennewald, Kai (Ausbilder am Studienseminar berufliche Schulen, Frankfurt)

129. Sicars, Jochen (Pensionär)

130. Springer, Springer (Rentner)

131. Staudt, Dieter (Redakteur insider)

132. Steiner, Rolf (Sprach- und Lesehelfer)

133. Stock, Christian

134. Störmer, Inessa

135. Strasser, Marianne (Pensionärin)

136. Streb, Markus

137. Thimm, Susanne

138. Toewe, Julian (Student)

139. Tran, Jasmin (Lehrerin, berufliche Schule)

140. Tümmler, Mario (Student)

141. Wagner, Manfred (GEW-Kreisvorstandsmitglied Hanau)

142. Wagner-Schirrmeister, Johannes (Student)

143. Weber, Lothar (Pensionär)

144. Weise, Jan (Student)

145. Weyerhäuser, Elma (pensioniert)

146. Weyers, Prof. Dr. Stefan (Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Mainz)

147. Wielicki, Lisa (Studentin)

148. Witzel, Reinhard (StD, Pensionär)

149. Wompel, Mag (Industriesoziologin, Redaktion LabourNet Germany)

150. Wrede, Engelbert (Schulleiter)

151. Zamojduk, Daniel (Student)

152. Zieran, Manfred (Journalist)