Hamburger Lehrerzeitung druckt Replik

In ihrer aktuellen Ausgabe (11/2017) hat die Hamburger Lehrerzeitung eine „Replik auf die Max-Traeger-Biographie von Hans-Peter de Lorent“ abgedruckt. Der ausführliche Beitrag von Bernhard Nette und Stefan Romey liefert auch eine Reihe von Archivmaterialien zur Diskussion der Geschichte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und ihres ersten Vorsitzenden. Der Artikel ist mittlerweile auch online verfügbar. Der Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft befindet sich derweilen in Erklärungsnot. Mehr und mehr Zweifel werden an der Traeger-Biographie laut, die vom ehemaligen Hamburger GEW-Vorsitzenden Hans-Peter de Lorent verfasst und im Namen der GEW-Bundesvorsitzenden Marlis Tepe herausgegeben wurde.

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Kontroverse um eingesetzte Aufarbeitungskommission

Der Streit um Max Traeger geht in die nächste Runde. Der neuste Coup der Gewerkschaftsspitze: Bei der Hans-Boeckler-Stiftung wurde zur Aufarbeitung der Causa Traeger im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft eine Projektgruppe „Gewerkschaftsgeschichte“ eingesetzt. In der vom GEW-Bundesvorstand eingesetzten Gruppe ist kein einziger Traeger-Kritiker vertreten. Von den Verteidigern Traegers hat man dagegen gleich mehrere in die Kommission gesetzt. Einer der lautesten unter den Apologeten, Fredrik Dehnerdt vom Hamburger Landesvorstand, soll die Sitzung der kuriosen Kommission eröffnen.

Mit einer hochnotpeinlichen Aktion wie dieser beweist der Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einmal mehr, wie wenig Interesse man an einer kritischen Debatte über Kontinuitäten zwischen dem im Nationalsozialismus bestehenden NS-Lehrerbund und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat. Eine offene und öffentliche Debatte über die gewerkschaftseigene Geschichtsschreibung wird diese aber kaum aufhalten können – sie läuft längst.

Die Jüdische Allgemeine berichtete in ihrer Ausgabe vom 16.11.2017 ausführlich über die laufende Kontroverse in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Der gut recherchierte Artikel gibt den Leserinnen und Lesern einen Überblick zur Debatte während der öffentlichen Veranstaltung in Frankfurt. Das eingangs erwähnte Statement des Erziehungswissenschaftlers Micha Brumlik kann hier nachgehört werden. Aber auch die aktuelle Auseinandersetzung um die eingesetzte Kommission kommt im Artikel zur Sprache. Während sich die Boeckler-Stiftung auf die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft als Geldgeberin beruft und zur Auskunft gibt, dass nur WissenschaftlerInnen, die selbst nicht an der Kontroverse beteiligt seien, angefragt wurden, gibt es von Seiten der GEW-Studierenden eine deutliche Kritik:

Der BASS kritisiert hingegen die Zusammensetzung der Kommission, in die zwar Gewerkschaftsfunktionäre berufen worden seien, die ein Interesse an der Verteidigung Max Traegers hätten, aber keine Kritiker, die die Debatte angestoßen hätten.

 

Buchvorstellung in Frankfurt

Zur Frankfurter Veranstaltung über die Arbeit der Forschungsstelle NS-Pädagogik ist mittlerweile eine ausführliche Dokumentation mit Präsentationsfolien und einer dreiteiligen Videoaufzeichnung verfügbar.

Neben anderen Arbeitsfeldern, wie etwa der aktuellen Dissertation von Z. Ece Kaya zur Kolonialpädagogik in der NS-Zeit, wurde bei der Veranstaltung am 26.10. auch die zähe Debatte um Max Traeger thematisiert. Anlässlich des neu erschienenen Sammelbands „Max Traeger – Kein Vorbild“ gaben verschiedene Beiträge einen Einblick in zähe Abwehrdebatten und organisationsinterne Schikanen rund um die Debatte für eine Aufarbeitung der Geschichte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die vom ehemaligen Vorsitzenden der GEW Hamburg, Hans-Peter de Lorent, in seiner Biographie vertretene Apologie Traegers wurde dabei deutlich in Frage gestellt.

Die Veranstaltung der Forschungsstelle wurde unterstützt vom Fritz-Bauer-Institut, dem AStA der Goethe-Uni, dem Beltz-Verlag sowie dem Landesverband Hessen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Neuerscheinung im Oktober

Zur Debatte um Max Traeger ist der Sammelband „Max Traeger – kein Vorbild: Person, Funktion und handeln im NS-Lehrerbund und Geschichte der GEW“ herausgegeben von Micha Brumlik / Benjamin Ortmeyer erschienen.

Über den Flyer zum Buch sowie die Homepage des Beltz Verlags kann das Buch bestellt werden. Der Sammelband arbeitet die öffentliche Auseinandersetzung um die Rolle der Lehrkräfte im Nationalsozialismus und die Vergangenheit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft anhand der Auseinandersetzung um Max Traeger auf. Dabei stellen sich verschiedene Beiträge der geschichtsrevisionistischen Verteidigung von Max Traeger als angeblichem Widerstandskämpfer entgegen, wie sie zuletzt in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft verbreitet wurde. Das Buch ist mit einigen interessanten Archivmaterialien angereichert und möchte GEW-KollegInnen ermutigen, selbst auch in die Archive zu gehen und sich an der Aufarbeitung der regionalen Geschichte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zu beteiligen.

Neben einem Abriss über die Chronologie der bundesweiten Auseinandersetzung, die sich im letzten Jahr durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zog und die Debatte beim Gewerkschaftstag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, geben Buchbeiträge auch einen Einblick in die Auseinandersetzung um eine kritische Aufarbeitung der Geschichte einiger Landesverbände der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. In Bezug auf Hamburg wie auch auf Baden-Württemberg werden Konfliktlinien der Vergangenheitsbewältigung zwischen verquerer Apologetik und kritischer Erinnerungsarbeit in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beschrieben. Das Inhaltsverzeichnis lässt sich der Verlagsseite entnehmen.

„Lieber Nestbeschmutzung als Reinewaschen“

Auch in den Landesverbänden gestaltet sich die Auseinandersetzung um eine Aufarbeitung der Vergangenheit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft überaus zäh. Dies gilt zumal in Hamburg, dem Landesverband, in dem Max Traeger während des Nationalsozialismus und danach beheimatet war. Als Ergebnis einer obskuren Apologie Max Traegers und Schikane gegenüber den GEW-Studis erklärt das aktive Leitungsteam der GEW-Studis nun auf seinem Blog (Eintrag vom 25.09.2017), dass es sich entschieden hat „sämtliche Tätigkeiten in der GEW einzustellen“. Der Beitrag verlinkt auf eine ausführliche Erklärung, die das Leitungsteam dazu abgegeben hat und die sich auf dem Blog nachlesen lässt.

Auf den Rücktritt des Leitungsteams, die ausführliche Erklärung und die Forderung nach einer inhaltlichen Debatte erklärt der Vorstand der GEW Hamburg: „die Strukturen… arbeiten weiter“. Dass es auf dem Papier weiterhin irgendwelche Studis in Hamburg gibt, wird wohl niemand bezweifeln. Das namentlich genannte Leitungsteam ist jedoch zurückgetreten. Die Erklärung auf der Seite der GEW Hamburg liest sich als ein formalistisches Herumgerede, ein argumentatives Ablenkungsmanöver. Auf die Diskussion, die notwendig wäre, will man sich offenbar gar nicht erst einlassen. Wer an der Aufklärung der Vergangenheit ernsthaft interessiert ist, argumentiert anders.

In einem ausführlichen Bericht schildert nun die tageszeitung (28.09.2017) den Stand der Dinge in Hamburg. Unter dem Titel „Abbruch der Beziehungen“ erläutert der Bericht sowohl die Forderung des BASS nach Aufklärung wie auch die gegenwärtige offizielle Linie der Gesamtorganisation GEW: Wo sich Landes- oder Bundesvorstände derzeit gegenüber der Öffentlichkeit in Sachen Max Traeger äußern, so läuft dies derzeit oft auf eine obskure Apologie Max Traegers hinaus. Sie folgen damit dem Bild problematischen Bild einer Auftragsforschung, die die GEW bei Hans Peter de Lorent, dem ehemaligen Landesvorsitzenden der GEW Hamburg, bestellt hat. Der im Artikel zitierte Fredrik Dehnerdt vom Landesvorstand der GEW Hamburg bildet da keine Ausnahme. Er erklärt es kurzer Hand für „widerlegt“ dass Traeger in irgendeiner Form als Mitläufer bezeichnet werden dürfe. Den Umstand, dass das aktive Leitungsteam der GEW-Studis zurückgetreten ist, kommentiert Dehnerdt mit „business as usual“.

Während die offizielle Linie an der Apologie Traegers bislang festhält, scheint es an der Basis an immer mehr Ecken zu brodeln. Auch ein ganzer Landesverband – die GEW Hessen – unterstützt bereits die Forderung nach Umbenennung der GEW-eigenen Traeger-Stiftung.

Geschichte des Beltz Verlages wird aufgearbeitet

Mit Unterstützung des Beltz Verlages wird nun auch das Wirken des pädagogischen Fachverlags im Nationalsozialismus aufgearbeitet. Ein neues Projekt der Forschungsstelle NS-Pädagogik unter der Leitung von Benjamin Ortmeyer an der Goethe-Universität Frankfurt/Main wird sich der Geschichte des Verlags im Zeitraum von 1932 bis 1945 widmen. In der Presseberichterstattung unterstrich Nils Rübelmann von Seiten der Verlegerfamilie die Relevanz der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wie folgt:

Es liegt im besonderen Interesse der nachfolgenden Generation des traditionsreichen Familienunternehmens, auch dieses Kapitel aufzuarbeiten. Aufklärung ist ein Wert an sich, es geht darum, aus der Vergangenheit zu lernen, um die Zukunft zu verbessern.

Auch der Briefverkehr und schriftliche Austausch mit dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) wird im Rahmen des Forschungsprojektes gesichtet werden. Für die Beschäftigung mit dem Wirken der Lehrkräfte im Nationalsozialismus dürfte sich so aufschlussreiches Material ergeben, das auch für die Gründungsgeschichte der GEW interessant sein könnte. Die Präsentation der Ergebnisse des Forschungsprojekts, mit der ab Frühjahr 2018 zu rechnen ist, darf man jedenfalls gespannt erwarten.